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SPIEGEL-COVER: EIN ALTER HUT

Dieser Gastkommentar erschien am 19. August 2019 auf cicero.de

Wenige Tage vor den Landtagswahlen in Brandenburg und Sachsen illustriert ein schwarz-rot-goldener Anglerhut die Titelgeschichte des Spiegel: „So isser, der Ossi.“ Das Cover hat eine Debatte über die Darstellung des Ostens entfacht. Stefan Krabbes aus Halle schreibt, wieso er es für misslungen hält

Eine Woche vor den Landtagswahlen in Brandenburg und Sachsen widmete sich der Spiegel dem Thema Ostdeutschland. Eine Anglermütze in Schwarz-Rot-Gold und der Text „So isser, der Ossi. Klischee und Wirklichkeit: Wie der Osten tickt – und warum er anders wählt“ zieren das aktuelle Cover. Erwartbar, löste es große Debatten aus.

Als ich den Aufmacher das erste Mal auf Twitter sah, reagierte ich mit innerlichem Augenrollen. Wieder einmal wird suggeriert, „der Osten“ sei ein Ort rechter Idioten: Alle Ostdeutsche laufen bei Pegida mit, wählen AfD und tragen Anglermützen in Deutschlandfarben. Danke, Spiegel.

Besonders ärgerlich finde ich: Seit Jahren halten gestandene Demokratinnen und Demokraten im Osten, bekennende Antifaschisten und Antifaschistinnen, die Fahne hoch und verteidigen die Zivilgesellschaft gegen Rechtsextreme. Antifaschisten? Ja, ganz klar. Es kann keine Demokratinnen und Demokraten geben, die mit dem Faschismus liebäugeln.

Ostdeutschland ist kein Bundesland 

Der Spiegel hatte die Wahl, 20 Prozent Wut oder 80 Prozent Mut aufs Cover zu setzen – das ist das ungefähre Verhältnis zwischen jenen Menschen, die mit rechten und und jenen, die mit etablierten Parteien sympathisieren. Wie so oft entschied man sich für die Klischee bedienende und polarisierende Variante. Der Osten als brauner Fleck auf der Landkarte. Hier erinnert man sich noch gut an den umstrittenen Sachsen-Titel des Spiegel, gehalten in Frakturschrift, vor knapp einem Jahr.

Der Spiegel-Journalist Stefan Kuzmany greift diese Debatte in seiner jüngsten Kolumne auf. Er fühlt sich an eine Ausgabe des Spiegels zum Thema „100 Jahre Franz Josef Strauß“ erinnert. Dabei schreibt er, dass auf dem Cover dieser Ausgabe seine Heimat Bayern derart pauschalisierend abgebildet worden sei, dass er selbst „angefressen“ gewesen sei. Dabei zeigte Kuzmany für beide Positionen der Cover-Kritiker Verständnis. Und natürlich ist es so, dass, wie er schreibt, jeder eben mal sein Fett wegbekomme. Doch Kuzmany übersieht zwei Punkte, weswegen ich ihm nicht Recht geben kann.

Platter Titel, differenzierte Geschichte 

Der Osten ist ebensowenig eine homogene Masse wie es „der Westen“ ist. Und auch ist Ostdeutschland kein Bundesland wie Bayern, sondern es besteht aus Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen. Alleine Kuzmanys Gleichsetzung eines ganzen Teils unseres Landes mit einem einzelnen Bundesland zeigt, wie sehr in vielen Köpfen noch „der Osten“ als eine Einheit verhaftet ist.

Dabei schafft es die Titelgeschichte, die das streitbare Cover anteasern soll, diesen Eindruck nicht entstehen zu lassen. Tatsächlich ist der Text ein differenziertes Stück über das Leben und Wirken der Menschen in den verschiedenen Regionen Ostdeutschlands. Deren Lebensläufe, systemische Veränderungen und Transformationserfahrungen werden skizziert.

Umso ärgerlicher ist es, dass das Hut-Cover den feinsinnigen Artikel diskreditiert. Gerade der Spiegel weiß doch, dass polarisierende Bilder im Internet mehr Reichweite generieren als kluge Analysen. Damit hat er in Kauf genommen, dass die Debatte nicht geprägt wurde von dem Rentner Radecki und den anderen Figuren der Geschichte – sondern von der Symbolik und dem dahinter liegenden Verständnis eines alten, hässlichen Hutes. Nur: Wer liest diese Reportage noch, wenn der Streit um das Cover abschreckt? 

Sagen, was ist 

Natürlich müssen auch die Bundesländer im Osten Deutschlands „ihr Fett wegbekommen“, und Probleme müssen immer klar benannt werden – ganz im Sinne Rudolf Augsteins: Sagen, was ist. Doch es bleibt die Frage nach der Verhältnismäßigkeit. Als ich im vergangenen Jahr mit der Journalistin Jana Henselauf einem Podium saß, kritisierte sie, dass „Ostdeutschland“ im Vergleich zu „Westdeutschland“ zwar häufiger in den Medien vorgekommen sei, aber im Zusammenhang mit Themen, die negativ konnotiert waren. Spricht man heute auch mit jüngeren Journalistinnen und Journalisten, berichten sie oft, dass auch in den Redaktionen dieses Ost-West-Denken noch vorherrsche, wofür sie selbst kein Verständnis haben.

Und um es an dieser Stelle noch einmal ganz klar hervorzuheben. Im Kampf für eine offene und proeuropäische Gesellschaft müssen Probleme klar benannt und gemeinsam gelöst werden. Die #unteilbar-Demonstrationen in Berlin und Dresden, die #wirsindmehr-Demo in Chemnitz oder Hashtags wie #DerAndereOsten oder #WirImOsten zeigen, dass es auch anders geht. Immer mehr Menschen wissen: Neonazis sind nicht nur ein Problem des Ostens, sondern eines unserer gesamten Demokratie.

Also lieber Spiegel, wenn ihr wieder mal die Wahl habt, entscheidet euch doch bitte nicht wieder für einen alten Hut.

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