Nach Facebook: Dezentralisieren wir das Internet!

„We have a responsibility to protect your information. If we can’t, we don’t deserve it.“ Mit diesen Worten entschuldigte sich Facebook-Chef Mark Zuckerberg unlängst in britischen Zeitschriften. Der jüngste Datenskandal, der durch den Whistleblower Christopher Wylie bekannt wurde, hat Facebook mit voller Breitseite erwischt und machte Zuckerbergs Schuldeingeständnis erst notwendig. Wylie, ein ehemaliger Mitarbeiter des Datenunternehmens Cambridge Analytica, gab gegenüber der Presse zu, dass über 87 Millionen Daten von Facebook-Userinnen und -Usern durch das Unternehmen missbräuchlich genutzt wurden. Aktuell besteht der Verdacht, dass diese Daten zur Beeinflussung der Brexit-Abstimmung und der amerikanischen Präsidentschaftswahl genutzt wurden. So oder so: Es ist ein handfester Skandal für den Social-Media-Riesen, der ihn in existenzbedrohende Bedrängnis bringen könnte. Doch es darf kein Skandal bleiben, den man schnell vergisst, denn er fördert eine fundamentale Frage in der Architektur des Internets zu Tage, auf die wir durchgreifend antworten müssen!

In was für einer Welt wollen wir leben? 

Die Frage mag abgedroschen daher kommen, doch der Zeitpunkt scheint kaum geeigneter als sie vor dem Hintergrund des Datenskandals heute erneut zu stellen: In was für einer Welt wollen wir leben? Um eine zukunftsfähige Antwort hierauf zu finden, müssen wir die Frage nach der Architektur des Internets berücksichtigen. Will man, dass Bürgerinnen und Bürger sowie Verbraucherinnen und Verbraucher gegenüber Staat und Wirtschaft mündig und aufgeklärt bleiben, so müssen die aktuell bestehenden Strukturen neu gedacht werden. Drehen wir den Spieß und dezentralisieren das Internet!

Um es etwas plastischer zu machen, ein kleines Beispiel: Ich gehe in der Altstadt spazieren und sehe hier einen Bäcker, da einen Mode-Laden, woanders gibt es noch ein kleines Café. Als Bürger und Konsument habe ich die freie Wahl in welches Geschäft ich gehe und vor allen Dingen wann ich es wieder verlasse. Im Internet aber bewegen wir uns anders; hier gelten andere Regeln. Hier melden wir uns bei Amazon, Facebook und Google an und hinterlegen unsere Daten auf den Servern dieser Internetriesen. Übersetzt man das Beispiel auf den Altstadtbummel, wird klarer, dass Kundinnen und Kunden zwar in die Geschäfte gehen können, aber nicht die freie Wahl haben sie wieder zu verlassen. Unser „digitales Ich“ ist also potentiell immer da; gefangen auf Fremdservern, auf die wir keinen Einfluss haben.

Ein digitales sapere aude!

In der Epoche der Digitalisierung aber bedeuten Daten Macht. Die Flüsse von Daten offenbaren dementsprechend die relevanten Machtstrukturen. Man muss kein Hellseher sein, um zu wissen wer dieser Logik folgend auf dem Weltmarkt die mächtigsten Unternehmen sind. Doch nicht nur die Internetriesen bedrohen unsere selbstbestimmte Art zu leben und zu wirtschaften, sondern auch ein Staat, der seine Bürgerinnen und Bürger überwacht und scort, wie aktuell China. Umso wichtiger ist es, dass wir diese Machtstrukturen erkennen, durchbrechen und unsere Rolle als ursprünglicher Créateur von Wirtschaft und Staat aktiv einfordern. Es geht dabei nicht um sozialistische Wirtschaftsfeindlichkeit oder libertäre Staatsskepsis, sondern um das Postulat eines neuen „sapere aude“ in der Epoche der Digitalisierung.

Immer deutlicher zeigt sich also, wie mit unseren Daten nicht nur Geschäfte gemacht, sondern auch politische Prozesse beeinflusst werden und sich Öffentlichkeit neu strukturiert. Die Größe der Internetmultis, in unserem Falle Facebook, macht nicht nur uns Verbraucherinnen und Verbraucher völlig gläsern, sondern bedroht auch die Werte der sozialen Marktwirtschaft. Soll sie funktionieren, darf kein Marktteilnehmer so groß werden, dass er den anderen Teilnehmern die Spielregeln vorgibt, denn sonst entsteht eine Machtwirtschaft. Dass dies bei Facebook längst der Fall ist, zeigt sich an der Debatte um Schattenprofile, Bubblebuilding und aktuell auch am Datenskandal. Selbst die Politik erscheint bisweilen hilflos gegenüber der Macht des Konzerns. Wird man Facebook zerschlagen? Die Wahrscheinlichkeit hierfür ist gering. Es ist liegt also in der Hand der Userinnen und User, Facebook in die Knie zu zwingen.

Wenn die Politik für die Zerschlagung des Internetriesen zu schwach ist, dann muss sie allerdings klar die Dezentralisierungsbestrebungen von Bürgerinnen und Bürgern unterstützen, die ein basisdemokratisches Gegengewicht zu den Milliardenkonzernen bilden können.

Rollentausch & Verspiegelbildlichung

Dazu müssen wir die Rollen tauschen. Nicht wir legen unsere Daten auf die Server von Facebook, sondern wir erlauben Facebook auf unsere Daten zuzugreifen und zu welchen Bedingungen. Unsere Daten liegen dann (nicht kopierbar) auf einem Server (Datenportmonee), der beispielsweise mit dem heimischen Router verbunden ist. Die konkrete Ausgestaltung dieses Modells mag dabei noch zu diskutieren sein, doch die Richtung dieser Dezentralisierung hätte weitreichende Folgen im Kampf gegen die negativen Folgen einer ungezügelten Digitalisierung. Einige Vorteile liegen dabei jedoch auf der Hand.

Über die Idee des Datenportmonees wird die Verspiegelbildlichung unserer Gesellschaft vorangetrieben. Dabei kann sie die Widersprüche von On- und Offline auflösen. Wer online wie auch offline die selbe Person ist, trägt dazu bei, ein Internet der Werte zu schaffen.

Da wir unsere Daten auf unseren Datenportmonees lagern und selbst bestimmen, wem wir diese zur temporären Nutzung überlassen, sinkt die Wahrscheinlichkeit von Hacking-Angriffen auf Zentralserver, die zu massenhaften Datendiebstählen führen. Zudem können wir uns mit ein und dem selben Datensatz bei jeder Onlineplattform an- und abmelden. Die Datenportabilität wird endlich intuitiv und real umsetzbar.

Mit der Dezentralisierung des Internets, mit der Selbstverwaltung unserer Daten, würden wir durch eine gesellschaftliche Gegenbewegung die Zerschlagung Facebooks einleiten. Denn nun steht es wieder mit anderen sozialen Medien im Wettbewerb, da es uns Verbraucherinnen und Verbraucher überzeugen muss, es zu nutzen.

Aber auch in der politischen Mitbestimmung tun sich neue Möglichkeiten auf, denn Wahlen und Volksbefragungen könnten fortan online durchgeführt werden. Es ließen sich noch weitere Möglichkeiten und Beispiele aufzählen. Auch ließen sich viele weitere Fragen stellen, die sich aus dieser Umstrukturierung ergeben werden. Doch eines ist klar: Wir brauchen auch im Digitalen eine Zivilgesellschaft, die stark genug ist, sich gegen wirtschaftliche und staatliche Übergriffe zu wehren.

Die Antwort auf die Frage in was für einer Welt wir leben wollen und werden hängt also, wie skizziert, untrennbar mit der Architektur des Internets zusammen. Nur wenn wir es schaffen die Strukturen zu dezentralisieren, werden wir wirtschaftlicher Monopolbildung und staatlichen Allmachtsfantasien entgegenwirken. Über die Verspiegelbildlichung von on- und offline verhindern wir, dass unserer Gesellschaft das gleiche Schicksal droht wie der Romanfigur Dorian Grey. 

Schaffen wir zusammen das Internet der Werte!

Fotograf: Tobias Koch (www.tobiaskoch.net)

10 Antworten auf „Nach Facebook: Dezentralisieren wir das Internet!“

  1. Dezentrale Netzwerke werden kriminalisiert weil staatliche Kontrolle erschwert oder unmöglich gemacht wird. P2P Netzwerke sind als illegal verschrien. Zensurminister Maas hat der Meinungsfreiheit längst einen Maulkorb unter dem Deckmantel der Hatespeechbekämpfung verordnet. Ich tummle mich inzwischen lieber im Untergrund, da herrscht absolute Freiheit und Anarchie. Ein Nebeneffekt ist, dass man auch mit dem Abschaum der Gesellschaft in Kontakt treten kann, wo man dann nebenher 1kg kolumbianisches Kokain bester Güte für 30 000€ bekommt inkl. Versand und Versicherung. 50kg MDMA kosten im Moment ca. 100 000€ bzw. 15 Bitcoins. Waffen werden tatsächlich weitaus seltener angeboten, es geht vor allem um digitale Dienstleistungen und Drogen.

  2. Das Internet (IP) ist ein dezentralisiertes Netzwerk, welches vom worldwide Web (www) zu unterscheiden ist, obwohl das www in der Umgangsprache gerne mit „dem Internet“ gleichgesetzt wird. Spätestens wenn man über die „Architektur des Internet“ schreibt ist es notwendig die Umgangssprache zu verlassen und Klarheit zu schaffen. IP ist genauso wie das www bereits dezentralisiert.

    Facebook ist ein zentraler Service, welcher über verschiedene Seiten im www erreichbar ist. Facebook ist nicht „das Internet“, auch nicht in der umgangsprachlichen Bedeutung von „das Internet“.

    Nun zu konstruktiven Vorschlägen. Wer eine dezentrale Alternative zu Facebook sucht sollte sich Mastodon anschauen.
    https://de.wikipedia.org/wiki/Mastodon_(Software)

  3. „(…) Unsere Daten liegen dann (nicht kopierbar) auf einem Server (…)“
    Dir ist schon klar, dass jeder Computer eine riesige Datenkopiermaschine ist, oder? Das ist die Essenz eines Computers. Wenn die Daten nicht kopierbar sind, dann sind sie nicht lesbar und damit nicht nutzbar.

    1. dazu kommt, dass es teilweise, wenn nicht hauptsächlich, um metadaten geht wie ip-adressen, verbindungszeiträume, besuchte links etc. die liegen ja nicht als kleine schatzkistchen verpackt auf dem jeweiligen rechner, sondern ergeben sich aus der struktur des internet

  4. Bis google, facebook,… kamen, war es ja dezentralisiert…
    Gute Ansätze auch in Sachen Infrastruktur zu dezentralisieren waren die Adhoc-Netze der Freifunker. Gerade was diese DNS-Zensur angeht. Problem ist, dass die Regierungen das sehr schnell als Gefahr ansehen. Da sind die westlichen Regierungen nicht anders als Russland oder China.

  5. Das Internet ist ursprünglich dezentral konstruiert, wie oben schon gesagt. Es war das Militär, das die Idee hatte: Im Kriegsfall sind Daten nur sicher, wenn sie zwischen vielen Plätzen herumgeschickt werden. Dezentrale Struktur war also Geburtsgedanke, Gründungsmanifest. Es ist nicht nötig, die Struktur des Internets zu verändern, sondern nur, Software zu benutzen, die nicht zur Registrierung zwingt, sie allenfalls ermöglicht. Man muss nur Blogs aufmachen, sie vernetzen, und fertig ist die Laube. Niemand muss Mitglied eines Portals sein, um den Blog zu lesen, sondern wie öffentlich er ist, das bestimmt der Blogger. Zuckerberg hat die Gartenzäune erfunden; er hat die Zentralität erst eingeführt. Ursprünglich war das Internet ein freies Land, und das kann es auch sein. Es sind halt die geschickt angelegten sozialen Leckerli, die Likes und Herzchen, die so viele in die umzäunten Areale locken.
    Selber schuld.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.