„Die Kirche muss sich bewegen“

Beatrice von Weizsäcker, geboren 1958, ist promovierte Juristin und arbeitete viele Jahre als Journalistin in Berlin. Seit 2003 lebt sie als freie Autorin in München. Sie ist Mitglied im Präsidium des Deutschen Evangelischen Kirchentages und Co-Initatorin der Petition „Flüchtlingspolitik in Europa: Erst stirbt das Recht, dann der Mensch“. Mit ihr sprach ich über den Einfluss der Digitalisierung auf den Glauben, die Kirchen und die Religionen.

Stefan Krabbes: Frau von Weizsäcker, ob Staat, Wirtschaft oder Gesellschaft; die Digitalisierung verändert alles. Mich interessiert aber ein weiterer Aspekt, der in der ganzen Debatte um die Digitalisierung ein Nischendasein fristet, obwohl er einen elementaren Teil in der öffentlichen Diskussion ausmacht. Nämlich ihr Einfluss auf die Religion. Als Mitglied des Präsidiums des evangelischen Kirchentages sind Sie eine aktive und laute Christin, wie man nicht zuletzt auch an Ihrer gemeinsamen Petition mit dem Europaabgeordneten Sven Giegold und dem Historiker Ansgar Gilster feststellen konnte. Ich würde gerne von Ihnen wissen, wie verändert die Digitalisierung aus Ihrer Sicht die Kirche, die Religion und den Glauben?

Beatrice von Weiszäcker: Das sind gleich drei Fragen, denn Kirche, Religion und Glaube sind keine Synonyme. Die Digitalisierung wirkt sich auf die drei Bereiche unterschiedlich aus – mit unterschiedlichen Folgen: Von der Kirche verlangt sie Beweglichkeit, von der Religion (und ihren Vertretern) Ehrlichkeit und Charakter. Beim Glauben ist das anders. Ob und wie die Digitalisierung den Glauben verändert, kann jede und jeder nur für sich beantworten.

Ich sehe vor allem die ungeheuren Chancen der digitalen Welt. Eine Petition wie die unsrige wäre ohne das Internet nicht denkbar. Der ungeheure Zuspruch, den wir innerhalb kürzester Zeit bekommen haben, zeigt, wie weit verbreitet die Sorgen um eine humane Flüchtlingspolitik sind. Und sie zeigt, wie aufrichtig man im Internet kommunizieren kann, wie ernsthaft man sich verständigen, wie respektvoll man miteinander umgehen kann. Die Behauptung vieler Skeptiker, das Internet polarisiere bloß, vereinfache und schüre plumpe (Vor-) Urteile, kurz, das Netz sei des Teufels, ist bestenfalls die halbe Wahrheit.

Mich interessiert die andere Hälfte.

Die Epoche der Digitalisierung ist auch dadurch gekennzeichnet, dass in vielen Bereichen die klassische Funktion des Intermediärs entfällt. Die Menschen brauchen für das Banking keine Banken mehr, um Schriften zu verbreiten oder sich zu informieren, brauchen sie keine Verlage mehr. Braucht man heute dann überhaupt noch die Kirche, um zu glauben?

Die Frage stellt sich ja nicht erst seit der Digitalisierung. Sie rührt an das Selbstverständnis „der Kirche“ schlechthin. Wenn Sie mit Leuten reden, die der Kirche den Rücken gekehrt haben, und sie fragen: Und was ist mit deinem Glauben? Dann hören Sie oft: An dem hat sich nichts geändert. Die Frage, die Sie stellen, ist immer und schon immer gewesen: Brauchen „die Menschen“ „die Kirche“ für ihren Glauben? Die Antwort ist: Nein.

Ich kenne viele Leute, die tiefe Glaubenserfahrungen gemacht haben – nur eben nicht in der Kirche. Wie viel hängt von der Pfarrerin, vom Seelsorger ab, von Menschen eben. Und nicht von der Institution. Dass wir uns nicht missverstehen: Ich wollte ohne die Kirche nicht leben. Die Gottesdienste, die „Ordnung“, die sie in meine Leben bringt, sind elementar wichtig für mich. Ich brauche den Raum, das Kreuz, die Orgel, die Predigt, das Gebet, die Andacht, die Stille, den Frieden – all das.

Gleichwohl bleibt richtig: „Die Menschen“ brauchen „die Kirche“ nicht, wenn es um Glaubensfragen geht. Aber die Kirche braucht die Menschen. Klingt brutal, ist aber so. Mit der Digitalisierung hat das nichts zu tun.

Würden Sie sagen, dass die Kirche in der digitalen Welt angekommen ist oder muss sie sich noch strecken?

Die Kirche muss sich auf jeden Fall noch mehr bemühen. Muss sich öffnen und bewegen. Da ist noch sehr viel Luft nach oben.

Ich will niemanden den guten Willen absprechen, wer bin ich! Aber wenn ich mir anschaue, wie umständlich und behäbig meine bayerische Landeskirche an das Thema herangeht, kann ich mich nur wundern. Da werden Gremien gebildet, Arbeitsgruppen installiert, Prozesse in Gang gesetzt. Alles bleibt in diesen kircheninternen Gruppen. Ich habe mal versucht, via Facebook die Strukturen zu durchschauen. Ich bekam freundliche Antworten mit Hinweisen auf diverse Links, die alles erklären sollten. Danach habe ich noch weniger verstanden als zuvor. Mein Eindruck war, und der muss nicht stimmen: Beteiligung und Transparenz sind nicht gewünscht – und damit ausgerechnet die Vorzüge, die das Internet ausmachen.

Ich finde das schade. Aber es macht mir nichts aus. Ich bin ja kein Ungustl. 

Es ist kein deutsches Problem. Fast alle westlichen Gesellschaften befinden sich aktuell in ähnlichen Separationsprozessen. Die Digitalisierung begünstigt diese zunehmende Individualisierung. Wenn man auf die USA, Großbritannien, Ungarn, Polen und Co. blickt, gewinnt man den Eindruck, dass auch Staaten diesem Individualisierungsdrang unterliegen und ihr Heil in nationalen Lösungen suchen. Die UNO ist aktuell wirkungslos, die EU noch zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Aber wie kann man in einer Welt der Unikate noch (welt)gesellschaftlichen Zusammenhalt organisieren und kommt nicht gerade den Religionen, aufgrund ihrer weltumspannenden Strukturen, hier eine hervorgehobene Ordnungs- und Wertefunktion zu?

Da wäre ich vorsichtig. Natürlich liegt der Gedanke nahe, nach den Religionen / den Kirchen zu rufen, wenn die Welt auseinanderfliegt. Gleichzeitig sind es aber oft die Religionen, die zu Konflikten beitragen. Religionen und Kirchen sollten Angebote machen, mehr aber nicht. Mir wäre es viel lieber, die Staatengemeinschaft würde sich auf ihre Grundprinzipien zurückbesinnen und sie wieder ernstnehmen: die Würde des Menschen, den Minderheitenschutz, das Demokratieverständnis.   

Man kann diese Separationsprozesse als Folge der Globalisierung betrachten, die mit der Digitalisierung nun auch die Öffentlichkeit und die konkrete, individuelle Wahrnehmung erreicht. Diese Wirkmacht hatte sie beispielsweise in den 90er Jahren noch gar nicht. Der von Marshall McLuhan geprägte Begriff des Global Village wird allerdings immer wahrnehmbarer und scheint Teile der westlichen Gesellschaften zu überfordern. In diesem Global Village wird der öffentliche Diskurs allerdings von nur zwei Gruppen bestimmt: Von Rechtspopulisten auf der einen Seite und von religiösen Fanatikern auf der anderen Seite. Dabei bilden beide Seiten die Minderheit unserer Weltgesellschaft und die selbe Seite der Medaille, da sie die Werte einer freien, vielfältigen Gesellschaft fundamental ablehnen. Ihr Vorteil aber ist: Sie sind im Netz gut organisiert und entwickeln somit ihre Wirkmacht. Müssen die Kirchen, wollen sie Populisten und Fanatikern das Wasser abgraben, selbst aktiver im Netz werden? 

Ja, natürlich. Denn wer das Netz nicht nutzt, vergibt eine unwiederbringliche Chance. Der darf sich nicht wundern, wenn Extrempositionen herrschen.

Mit Ihrer Petition „Erst stirbt das Recht, dann der Mensch“ nutzen Sie die neuen Mittel der digitalen Öffentlichkeit und haben bereits fast 100.000 Unterstützer*innen gewinnen können. Hierin fordern Sie europaweit die Kirchen auf, keine politische Rücksicht mehr zu nehmen, wenn es um die Verteilung der Menschenwürde geht. Wie wird es mit dieser Petition weitergehen? Worauf dürfen wir gespannt sein?

Wir hoffen, möglichst viele Menschen, aber auch möglichst viele Kirchenleitungen zu erreichen. Inzwischen haben sich die ersten deutschen Bischöfe unserem Aufruf angeschlossen. Das ist umso erstaunlicher, als sie ja zu unseren Adressaten gehören. Ich finde ihre Reaktion souverän. Sie zeigt, dass sie sich angesprochen fühlen. Und dass sie sich in der Pflicht sehen.

Eine für alle sichtbare Folge wird es Ende August geben. Da wird sich der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm in einer öffentlichen Internet-Diskussion den Fragen und der Kritik der Unterzeichner*innen stellen. Jede*r kann mitmachen. So etwas hat es noch nie gegeben. Eine Veranstaltung im Internet, wenn das nichts ist.

2 Antworten auf „„Die Kirche muss sich bewegen““

  1. Sehr geehrte Frau von Weizsäcker,

    haben Sie vielen Dank für Ihre kritische Analyse und Ihren an die Kirche(n) gerichteten Impuls, sich der digitalen Welt noch weiter zu öffnen. Sie beziehen sich auch auf Erfahrungen, die Sie mit dem Zukunftsprozess der bayerischen Landeskirche gemacht haben. Ich bedauere, dass Sie nicht die Informationen erhalten haben, die Sie im Grunde benötigt hätten. Dies ist sicher ein Ansporn für uns, die komplexe Struktur unseres Prozesses noch überzeugender darzustellen. Ich möchte Ihnen jedoch in einem Punkt widersprechen: Die verbesserungswürdige Auffindbarkeit unserer Inhalte im Internet sind gerade kein Beleg für eine vermeintlich nicht gewollte Transparenz und Beteiligung. Wir haben uns entschieden, mit interessierten Menschen unmittelbar in den Austausch zu kommen, um einen möglichst hohen Grad konstruktiver Beteiligung zu erreichen. Zu diesem Zweck wurden seit September 2017 mehr als 140 Veranstaltungen (Zukunftsworkshops uä.) im Bereich der bayerischen Landeskirche durchgeführt; mehr als 7.500 Haupt- und Ehrenamtliche konnten sich so in die gemeinsamen Überlegungen einbringen. Und noch ein weiteres: Zur Mitarbeit in den von Ihnen erwähnten Arbeitsgruppen wurden gerade auch Menschen aus Politik und Kultur gebeten, die die gemeinsamen Beratungen durch ihren Blick von außen bereichern. Wir erleben diese frischen Impulse von außen als wichtigen Beitrag.

    Wenn Sie weiterhin Interesse am landeskirchlichen Zukunftsprozess haben, können wir uns gerne austauschen. Ich wäre jedenfalls an Ihren Ideen und Empfehlungen zur Gestaltung (innen-)kirchlicher Reformprozesse interessiert.

    Mit freundlichen Grüßen
    Florian Baier

    puk@elkb.de

    http://puk.bayern-evangelisch.de/

    1. Sehr geehrter Herr Baier,
      all das will ich nicht bestreiten. Ich weiß, dass die Landeskirche viel getan hat. Sie hat gewiss auch viele „interessierte Menschen“ erreicht. Es hat nur nicht jeder interessierte Mensch sie erreicht. Und sich damit an dem Prozess auch nicht beteiligen können.
      Diesen Weg zu wählen, ist legitim. Er verschließt nur die Möglichkeit des ungeplanten (gleichwohl konstruktiven) Blicks von außen. Wenn das gewollt war/ist, habe ich damit kein Problem. Seltsam finde ich allerdings, dass mir selbst der nun von Ihnen (dankenswerterweise) beschriebene Weg verborgen blieb.
      Aber, wie gesagt, das macht nichts. Ich bin ja kein Ungustl.
      Herzlich,
      Beatrice von Weizsäcker

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.