Zum Inhalt springen

#1 KOCHEN IST RESPEKT

Schon lange nahm ich mir vor, über das Thema Essen und Kochen zu schreiben. Doch worüber wollte ich genau schreiben, bin ich doch nur ein Hobbykoch, der sich etwas mehr für Essen und dessen Zubereitung interessiert als andere? Will ich mit einem Notizblock bewaffnet in Restaurants stürmen, um über Service, Küche und Einrichtung zu urteilen? Das schien mir zu spießig. Und ganz generell: Was befähigt mich mehr als andere übers Essen und Kochen zu schreiben? Es war diese Unsicherheit, die mich lange nachdenken ließ. Letztlich gibt es so viele Geschmacksauffassungen wie es Menschen gibt. Doch genau in der vermeintlichen Absage an mein eigenes Vorhaben lag gleichwohl die Antwort. Wir alle teilen dieses lebensnotwendige Bedürfnis Essen. Warum also nicht über das schreiben, was uns alle eint?

KOCHEN IST RESPEKT & ZAUBER

Kochen ist für mich ein zauberhafter Moment, der weit über die Zubereitung oder den Genuss von Speisen hinausgeht, der beginnt sobald die Saat den Boden berührt und die Natur die Dinge werden lässt, die ihnen bestimmt sind. Er verdient Respekt und Zeit. Natürlich war meine Begeisterung hierfür nicht immer so groß wie heute.

Groß geworden bin ich auf einem kleinen Bauernhof und zu schreiben, ich sei eine wirkliche Hilfe gewesen wäre eine glatte Lüge. Es hat mich schlicht nicht interessiert was in den Ställen und auf dem Feld passiert. Es war öde und langweilte mich. Warum so viel Arbeit in etwas stecken, was man weniger aufwendig auch im Supermarkt bekommen konnte, habe ich nie verstanden. Erst als ich älter wurde mir klar, welchen Luxus wir direkt vor der eignen Haustür hatten. Das vergegenwärtigte ich allerdings erst als meine lieben Großeltern von uns gegangen waren und meine Eltern aufgrund ihrer Erwerbsarbeit die Feldarbeit nicht fortsetzen konnten – auch wenn sie es eine Zeit lang versuchten.

ERINNERUNGEN

Denke ich zurück, dann erinnere ich mich daran wie meine ganze Familie auf das Feld ging, um die Kartoffelpflanzen von den Kartoffelnkäfern zu entfernen, wir Zuckerrüben zogen und Äpfel ernteten. In den letzten beiden Fällen weiss ich noch, wie mich Wespen stachen und meine Großmutter sehr schnell mit einer halben Zwiebel zurückkam, um die Schmerzen des Stiches alsbald zu lindern. Generell haben meine Großeltern sehr viele Dinge angebaut. Im Grunde hatten wir immer alles was die Saison hergab: Erdbeeren, Äpfel, Kirschen, Rhabarber, Spargel, Wein, Schwarzwurzel, Nüsse, Himbeeren, Tomaten, Gurken, Kräuter, Kartoffeln. Und wie bereits beschrieben, waren wir auch im Besitz von Vieh.

Neben Hühnern und Kaninchen hatten wir auch eine Zeit lang Schweine. Eines Tages kaufte mein Großvater noch eine Kuh dazu. Auf wieviel Gegenliebe sein Kuhprojekt bei meiner Großmutter stieß, vermag ich heute nicht mehr zu sagen. Zu schwach sind meine Erinnerungen daran. An die großen Schlachtereignisse erinnere ich mich allerdings gut und auch gerne.

SCHLACHTEN

Natürlich weiß ich um die ethischen Fragen des Tötens von Tieren. Für mich weiß ich: Es ist einer der inneren Widersprüche mit denen wir mehr oder minder unseren Frieden machen. Gleichwohl ist es mir wichtig, dass wir uns immer wieder vor Augen führen, dass wir Tiere für unsere Ernährung schlachten – im ganz großen Stil. Als Verbraucher hoffe ich hier, dass politisch Verantwortliche das Problem in den Griff bekommen. Wenn die Haltungsbedingungen sich für die Tiere verbessern und sich beispielsweise die Kastenstände vergrößern und Autobahntransporte von Schweinen quer durch Europa bald der Vergangenheit angehören, wäre es für mich völlig in Ordnung, wenn es weniger Fleisch zu kaufen gäbe. Auch wenn es sich seltsam anhört, doch glaube ich sehr, dass gerade Landwirtinnen und Landwirte zusammen mit den Grünen über neue Formen des Landwirtschaftens streiten müssen, denn das Problem liegt im System. Man muss es grundsätzlich neu ausrichten, um bessere Bedingungen für alle zu schaffen.

Ich erinnere mich, dass wir immer sehr früh im Winter aufgestanden sind, um die kalten Temperaturen für uns arbeiten zu lassen, so dass nichts verderben konnte. Mit Ausnahme der Kuh, haben wir allerdings meistens Schweine geschlachtet. Während wir mittags unser Schnitzel haben essen können, kochten die zubereiteten Würste noch in dem Wasser, das später zu einer herzhaften Wurstsuppe werden sollte. Da kam es mitunter auch vor, dass eine Borste in der Suppe war. Daran störte sich natürlich keiner. Es war immer ein großes Ereignis. Als wir die Kuh schlachteten kam das ganze Dorf zu uns, um uns Fleisch, Knochen und Fett abzukaufen. So eine ganze Kuh schafft man eben auch nicht, wenn man eine große Familie hat. Während sich den Tag über ältere Damen mit identischen Frisuren in einer Schlange sammelten (meistens waren es weiße, grobe Lockenköpfe) bestand meine Aufgabe darin, das Fett vom Tier zu schneiden. So stand ich morgens neben meinem Großvater und war nicht ganz unstolz, dass ich bei dieser Aufgabe helfen durfte, auch wenn sich sonst meine Unlust an landwirtschaftlichen Aufgaben durchschlug.

DEMUT & ENTFREMDUNG

Und natürlich erinnere ich mich auch noch daran, wie die Kuh getötet wurde und dass viele kräftige Männer mit anpacken mussten. Als Kinder sollten wir uns das freilich nicht mit ansehen, doch selbstverständlich siegte die Neugier und wir trotzten den Aussagen unserer Eltern und beobachteten den Prozess. Es ist ein trauriger Moment, der mich jedes Mal mit Demut füllte. Ein Tier musste sein Leben geben, damit wir es essen konnten. Sehr früh wurde ich somit schon mit der Frage des Fleischessens konfrontiert. Das lässt mich heute bei der Meinung, alle Fleischesserinnen und Fleischesser sollten einmal gesehen haben, wie und dass Tiere sterben müssen, um Wurstgesichter auf unseren Broten zu haben.

Diese Gesichter mit Würsten halte ich im Übrigen für eine genauso große Entfremdung wie Chicken Nuggets in Dinosaurier-Form. Für die Fleischindustrie ist das natürlich positiv, entkoppelt sie doch den Tod eines Tieres vom Konsum des lustig aussehenden Dinosauriers. Diese Entfremdung gibt es so auch in der Englischen Sprache: Während das Schwein als Tier als Pig bezeichnet wird, heißt es Pork, wenn man es isst. Gleiches gilt für das Rind (Cow/Beef).

Das veranschaulicht recht gut, worauf ich mit diesem Beitrag hinaus will. Wir brauchen wieder ein Bewusstsein, dieser Entfremdung entgegenzuwirken. Denn Essen und Kochen sind nicht das notwendige Übel zwischen den täglichen Terminen. Es ist die Besinnung auf das Wesentliche – auf das eigene Ich und die Natur und leistet einen Beitrag zur Entschleunigung. Den Zauber der Dinge wieder einzufangen, ihnen den Respekt zuteil werden zu lassen, der ihnen gebührt und zurück zu zuführen ins Kochen, dazu sollen meine zukünftigen Artikel beitragen.

2 Kommentare

  1. Surya Beil Surya Beil

    Wow ich finde das so schön und inspirierend was du geschrieben hast! Ich stimme dir vollkommen zu! Weiter so!!!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.